Notizen und Tagebuch eines Häftlings
 
Der Major Döhler
Bornholmer Strasse
Verhaftung
 
 
 
 
 
 
 
Berlin Information
 
Bornholmer Strasse
 
Grenzübergang
Am Abend des vorweihnachtlichen Tages im Jahr 1983 betrat ich den Grenzübergang Bornholmer Straße. Es regnete. Einige Stunden hatte ich gewartet. Mich meiner Selbst vergewissert. In einem Hauseingang. Bis die Dunkelheit sich ausgebreitet hatte. Ich ordnete mich in die Fußgängerschlange ein. An der ersten Kontrolle kam ich ungefragt, nach Paß und Visum, vorbei. Einige Minuten später überquerte ich einige Geländer und stand zwischen den wartenden Autos. Dort lief ich mit Autofahrern, die ausgestiegen waren, einige Meter gegen West-Berlin. Unbemerkt kam ich durch zwei andere Kontrollen. Jetzt waren es nur noch wenige Meter bis zum letzten Schlagbaum nach Westberlin. Plötzlich rief mich ein Offizier an. Kam näher. Verlangte, das ich sofort wieder in mein Autos steigen sollte. Unsicher schaute ich nach den Autos. Schließlich versuchte ich die Tür eines Mercedes zu öffnen. In diesem Augenblick stand der Offizier wieder bei mir. Er hatte seine Pistole aus dem Halfter gezogen. Richtete diese auf mich: "zeigen Sie mir mal Ihre Papiere" , "Moment"! sagte ich. Als ich mich in den Wagen lehnen wollte, spürte ich einen harten Schlag an den Hinterkopf. Verlor das Bewußtsein. In einer Wasserlache liegend, die Hände mit Handschellen gebunden auf dem Rücken, erwachte ich. Die Tür der Wellblechbude öffnete sich. Ein dicker Polizist trat an mich heran. "Du stinkst ja wie ne Kuh aus dem Arsch" sagte er. Dann spürte ich seinen Stiefel im Gesicht. Verlor erneut das Bewußtsein. Später zerrten mich der dicke Poizist und ein anderer, in ein Polizeiauto. " Wolln mal sehen, ob die Sau Tollwut hat" sagte der dicke Polizist. Im Polizeikrankenhaus Prenzlauerberg, wurde mir eine Blutprobe entnommen. Noch betäubt von den Schlägen, konnte ich mich kaum aufrecht halten. Der dicke Polizist witzelte mit einer Krankenschwester. Der andere ließ mich nicht aus den Augen. Augenblicke ohne Handschellen. Dann musste ich vor den Polizisten herlaufen. In Richtung Ausgang. Die Handschellen banden nun meine Hände vor dem Körper. Eine breite steile Treppe führte zu der schweren Ausgangstür. Die Polizisten wartetetn ab, wie ich die Tür wohl öffnen wollte. Als ich endlich meine Fuß in der Tür hatte und meine Schultern dazwischen schieben wollte, um sie weiter zu öffnen, trat mir der dicke Polizist, höher stehend, ins Kreuz. Mein Gesicht schlug auf die Eisenklinke. Ich taumelte ins Freie. Hielt mich am Wagen fest. Die herbei eilenden Polizisten wollten mich ins Auto drängen. Ich drehte mich um und schlug die geballten Fäuste, die zusammen gebunden waren, an den Kopf des dicken Polizisten. Er taumelte. Fiel auf die Straße. Der andere Polizist wollte seine Pistole ziehen. Ihn traf mein Fuß unter seinem Kinn. Er taumelte zu einer Hecke, wo er liegen blieb. Immer noch lief mir das Blut aus meinen Mund und der Nase. Ich ging zu dem Polizisten, der in Hecke lag, nahm aus seiner Brusttasche eine Packung Zigaretten und Streichhölzer. Ich setzte mich aufs Auto und rauchte. Apathisch nahm ich wahr, das ich überall blutig war. Ich rauchte und stierte in die Nacht. Hatte keine Gedanken. Der Polizist, der in der Hecke lag, rappelte sich zuerst auf. Suchte seine Pistole. Als er sie gefunden hatte, kam er auf mich zu. Griff mir an den Arm und führte mich langsam ins Auto. Minuten später, stieg auch der dicke Polizist zu. Wir fuhren einige Straßen. Zum Polizeipräsidium Keibelstraße am Alexanderplatz. Wortlos wurde ich anderen Polizisten übergeben. Plötzlich sprang der dicke Polizist an mich heran und wischte mit der Faust über meinen Hinterkopf: " Uff den müsster sehr jut uffpassen" raunte er. Noch einmal Blickte ich ihn an. Dann wurde ich in einen Raum geführt und musste mich entblößen. "Loß Ohrring raus", brüllte mich einer an. Der andere fummelte meine Schnürsenkel aus den Schuhen. Wieder ein ander blickte mir in den After. "Anziehen" Dann brachten Sie mich, mit gebundenen Händen und Füßen zu einer Treppe. In zeitlupe stieg ich die Stufen empor. In der dritten Etage wurde ich anderen Polizisten übergeben. Als ich durch ein Gitter geschleußt war, die Hand und - Fußschellen mir abgenommen waren, sagte der eine Polizist, der mich gebracht hatte noch " jetzt kannste ein bisschen Sterben spielen, in der grünen Hölle" Sogleich bekam ich einen Knüppel in die Knie geschlagen. Brach zusammen. Auf Knien hockend hörte ich, was mir gesagt wurde. Dann bekam ich einen Schlag auf den Hinterkopf. Die Polizisten zogen mich in eine Zelle. Die Riegel und die Schlösser hörte ich zuschnappen und schließen. Grelles Neonlicht biss sich in meine Augen. Durch einen Lautsprecher kam die Aufforderung: "An den Tisch setzen" Stundenlang saß ich an diesem Tisch. Ich schaute an den Wänden entlang. Die grüne Farbe an den Wänden bohrte sich in meine Erinnerungen. Ein plötzliches Geräusch ließ mich aufmerken. Das Licht wurde abgestellt. Durch den Lautsprecher hörte ich: "Hinlegen". Nach 20 Minuten wurde meine Zelle geöffnet. Benommen wollte ich mich erheben, aber da trafen mich die Stöcke der Polizisten, bis ich das Bewußtsein verlor. Ich wühlte mich durch die Nacht. Manchmal erwachte ich im Dunklem, röchelte, spuckte Blut. Manchmal war die Zelle hell erleuchtet. Stunden wälzte ich mich. Schweißgebadet. Dann hörte ich durch den Lautsprecher: "An den Tisch setzen, abwarten" Umständlich kam ich zu dem Stuhl und Tisch. Wartete. In der Gefängnistür wurde eine Luke geöffnet. Sie reichten mir einen leeren Plastikbecher, Butterbrotpapier. Mit Fettresten beschmiert. Mit einem Knall schloß sich die Luke. Ich verstand nicht: was sollte ich tun mit dem Becher und dem Papier ? Durch den Lautsprecher kam die Ansage."An den Tisch setzen und Frühstücken" Ich betrachte den leeren Becher und das leere Papier. Lief in der Zelle auf und ab. Nochmal erklang duch den Lautsprecher die Stimme: "Hin setzen und Frühstücken" Als ich immer noch dachte, was wollen die von mir und was ist das für eine Verarschung, wurde die Zellentür geschlossen. Vier Polizisten mit Schlagstöckern stürmten auf mich zu und schlugen mir die Knüppel, wohin sie treffen konnten. Zusammengekauert saß ich neben dem Bett. Die Tür wurde verriegelt. Wieder die Lautsprecherstimme: "Setzen und Frühstücken". Ich setzte mich an den Tisch, nahm einen Schluck Tee aus dem leeren Becher. Öffnete das Brotpapier Kaute imaginäres Brot. Das Blut aus meiner Nase vermischte sich mit den Fettresten auf dem Papier. Die Luke in der Tür öffnete sich. Ich gab den Becher aus der Öffnung und legte das Blut verschmierte Papier daneben. Beides wurde abgeräumt. Die Luke schloss sich. Wurde verriegelt. Mittags bekam ich eine Schüssel durch die Luke und hatte so zu tun, als würde ich eine Suppe löffeln. Abends Brot und Tee. In der Nacht Schläge. Nach 3 Tagen wurde ich einem Vernehmer der Staatsicherheit vorgeführt. Er fragte mich, warum ich die DDR verlassen wollte. Wegen der geschwollenen Lippen konnte ich kaum reden. "Sie müssen sich das überlegen" sagte der Vernehmer: "wir können auch anders". " Unterschreiben Sie hier und unterschreiben Sie hier, dann können Sie gehen", Ich versuchte zu erkennen was ich unterschreiben sollte. Als ich eine Erklärung unterschrieb, das ich in Zukunft harmlos sein werde, unterschrieb ich. Ich lachte. " lachen Sie ruhig" sagte der Vernehmer: "ihre Unterschrift hat Ihnen gerade das Leben gerettet". Dann musste ich wieder lachen. Der Vernehmer telefonierte nach den Polizisten. Meine persönlichen Gegenstände wurden mir ausgehändigt."Geben Sie mir meinen Ohring" sagte ich zu einem Polizisten. Der drehte sich um und murmelte: "Moment, ich hol mal die Blombenzange". Mit einem Ruck drehte er sich um und schlug mir seine Faust ins Gesicht. Ich taumelte gegen ein Gitter und brach dort zusammen. Die Polizisten halfen mir auf. Stützten mich unter den Armen. Dann wurde ich bis zum Haupteingang geführt. Die kleine Tür im Hauptor öffnete sich, man schob ich mich auf die Straße. Knallend schlug die Tür zu. Langsam versuchte ich mich zu besinnen. Schritt um Schritt. Entfernte ich mich von diesem Ort. Friedlich war der Alexanderplatz an diesem vorweinachtlichen Tag. Auch wenn ich keine Schnürsenkel hatte, wollte ich eine Station laufen. Bis S-Bahnhof Janowitzbrücke. Luft atmen. Plötzlich stand ich vor grölenden, saufenden und fressenden Menschenmassen. Karuselle kreisten. Schlager drangen an mein Ohr. Der Weihnachtsmarkt. Auf den Boden schauend, schlürfte ich am Markt vorbei, setzte mich in die S-Bahn Richtung Grünau. Ich glotzte aus dem Fenster. Ignorierte die Gaffer, die meine blutverschmierten Sachen mussterten. Adlershof taumelte ich die Dörpeldstrasse runter. Bog in eine Querstrasse. Schloss die Wohnung auf. Endlich zu hause.